Warum Opel-Jobs nach Marokko verlagert werden könnten

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Warum Opel-Jobs nach Marokko verlagert werden könnten


Stand: 21.10.2021 12:39 Uhr

Medienberichten zufolge will der Opel-Mutterkonzern Stellantis Stellen aus Rüsselsheim nach Marokko verlagern. Das könnte viel an Personalkosten sparen. Doch Marokko ist auch aus anderen Gründen attraktiv.

Von Dunja Sadaqi, ARD-Studio Nordwestafrika

Autos für den Weltmarkt, montiert in Marokko: In Zukunft soll dieser Wirtschaftszweig des Landes weiter ausgebaut werden. Das wünscht sich die marokkanische Regierung, aber das wünschen sich offenbar auch europäische Unternehmen: Medienberichten zufolge will der Opel-Mutterkonzern Stellantis wohl Stellen aus dem hessischen Rüsselsheim nach Marokko verlagern. Ein Grund sind offenbar die Lohnkosten in Deutschland. Im nordafrikanischen Marokko muss nur ein Bruchteil des Lohnes gezahlt werden, und das Königreich lechzt angesichts hoher Arbeitslosigkeit nach der Schaffung von Jobs. Marokko hat sich so in den vergangenen Jahren zum führenden Autobauer in Afrika entwickelt.

HR Brand

Dunja Sadaqi
ARD-Studio Rabat

Deutsche Wirtschaft strebt nach Marokko

Daher verwunderten die Opel-Pläne Experten in Marokko nicht, erklärt Geschäftsführer Matthias Wenzel von der Deutschen Industrie und Handelskammer AHK in Marokko: “Marokko ist aktuell zweitwichtigster Investitionsstandort der deutschen Unternehmen auf dem afrikanischen Kontinent – nach Südafrika.” Marokko habe mittlerweile auch Südafrika als größten Automobilproduzenten Afrikas überholt. “Das weckt natürlich Interesse auch deutscher Unternehmen”, sagt Wenzel.

Deutsche Unternehmen beschäftigen im Land mehr als 35.000 Arbeitskräfte. 150 Firmen sind laut Wenzel derzeit in Marokko präsent – ein Investitionsvolumen von 1,2 Milliarden Euro hätten sie hier aufgebaut. Wenzel bezeichnet Deutschland als Nachzügler in Sachen Investitionen in Marokko. Seit 2010 habe das deutsche Investitionsvolumen hier aber um 600 Prozent zugenommen – im Bereich Automobil, Elektro und Chemie.

Gute Verbindungen auf vielen Ebenen

Viele Faktoren machten Marokko als Fabrikationsstandort attraktiv: “Zum einen ist es natürlich die räumliche Nähe. Das marokkanische Festland ist vom europäischen Festland lediglich durch die Straße von Gibraltar 14 Kilometer getrennt.” Diese räumliche Nähe werde mittlerweile verbunden mit einer ganz hervorragenden Infrastruktur und Logistik, so Wenzel. “Wir haben hier sehr intestine aufgestellte Industrieparks, wo es auch entsprechende Förderung und Anreize zur Investition gibt.”

Wenzel meint unter anderem den Mega-Hafen Tanger Med an der Nordküste Marokkos. Mittlerweile ist dies der größte Containerhafen des afrikanischen Kontinents und des Mittelmeerraums – mit hervorragender Anbindung an Europa. Außerdem habe sich die marokkanische Privatwirtschaft mehr und mehr darauf eingestellt, Englisch als Businesssprache zu nutzen, was Kooperationen mit deutschen Partnern erleichtere. 

Marokko buhlt um Niederlassungen

In den vergangenen 20 Jahren habe Marokko stark versucht, zu einem attraktiven Standort für internationales Funding zu werden, erzählt Wirtschaftsexperte Atmane Dkhissi. Allein zwischen 2014 und 2019 seien mehr als 147.000 Jobs geschaffen worden. “Tatsächlich gibt es heute auch eine Reihe von steuerlichen Anreizen, die allen Unternehmen zugute kommen, deren Tätigkeit Export-/Import-orientiert ist”, so Dkhissi.

Bei Investments von mehr als 200 Millionen Dirham, der Landeswährung, gebe es bei der Einfuhr von Investitionsgütern, Ausrüstungen und Werkzeugen Mehrwertsteuerbefreiungen. “Das sind keine automobilspezifischen Maßnahmen, aber natürlich werden Unternehmen der Autoindustrie davon profitieren”, ist der Experte überzeugt.

Prekäre Arbeitsbedingungen Kehrseite der Medaille

Niedrige Lohnkosten machten es ausländischen Unternehmen oftmals schmackhaft, sich im nordafrikanischen Königreich anzusiedeln, sagt der marokkanische Gewerkschafter Mohamed Hakech. Doch die Auslagerung von Produktionsstätten aus Europa sorgt im Land nicht nur für Jubel: So streikten Anfang des Jahres im Stellantis-Autowerk in Kenitra Angestellte – sie prangerten ausbeuterische Löhne, unbezahlte Sonderleistungen und schlechte oder unhygienische Arbeitsbedingungen an.

“Der Customary ist weit von dem entfernt, was die Internationale Arbeitsorganisation definiert”, beklagt Gewerkschafter Hakech und warnt deshalb davor, diese Arbeitsplatzverschiebungen von europäischen Firmen nach Marokko nur als Geschenk zu sehen: “Sie suchen einen Ort, wo das Arbeitsrecht schwach ist oder nicht respektiert wird und wo die Löhne sehr niedrig sind, um ihren Revenue zu erhöhen. Für sie läuft es nach dem Motto ‘Revenue vor Leben’.”

Doch diese Jobs sind für viele Menschen in Marokko trotzdem wichtig – die Arbeitslosigkeit ist hoch, gerade unter jungen Marokkanerinnen und Marokkanern. Die Corona-Pandemie hat die Arbeitssituation in den vergangenen zwei Jahren zusätzlich verschärft.

Afrikanisches Autobau-Hub? Opel will Stellen nach Marokko verlagern
Dunja Sadaqi, ARD Rabat, 18.10.2021 · 15:21 Uhr



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